Ich heiße Vince Barrow.
Und der Name ist - wie die Geschichte selbst - eine Methapher!
Längst habe ich den Zenit meines Lebens überschritten.
Menschen wie ich werden nicht alt.
Nicht nach dem was war - und noch kommen wird.
Der Zahn der Zeit, der unaufhörlich an mir nagt, hat Spuren hinterlassen.
Hat meinen Körper - meine Seele zerfressen.
Sicher - mein Leben wäre weiß Gott anders verlaufen, wäre da nicht Eddie gewesen...
Eddie, der seit meiner Kindheit mein ständiger Begleiter ist und mich seitdem nicht nur
mit seiner stinkenden, ranzigen Pomade an den Rand des Wahnsinns treibt.
Eddie, der kleine Teufel auf meiner linken Schulter, der mehr und mehr reale Gestalt annahm, als mir lieb war und mich mit seinen bizarren Gedankengängen und grotesken Ratschlägen mehr und mehr in Teufels Küche brachte.
Tja, und da war da auch noch Miss Parker….
Diese Geschichte spielt in 3 verschiedenen Zeit-Ebenen, die unmittelbar miteinander verknüpft sind und im Laufe der Zeit fließend ineinander überzugehen scheinen.
- Vince Barrows Kindheits- und Jugendjahre ab 1970.
- Reale „Jetztzeit“ im Hier und Heute.
- Sowie ein surreales, gedanklich konstruiertes Amerika der 30iger Jahre, welches in Barrows Gedanken fest verankert ist und der eigentliche Schlüssel seines Strebens auf der Suche nach der geheimnisvollen Miss Parker sind.
Verfasst am 07.01.2009 08:08:02 Uhr Die 156 Stufen des Schmerzes 2009
Hausnummer 46.
Ich stand in der Dunkelheit und blickte auf die mit Grünspan überzogenen Ziffern neben der trüben Hausbeleuchtung.
- 46 –
Verdammt, das konnte kein Zufall sein.
Nervös fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht.
46 Kugeln die den Leib von Miss Parker zerfetzten.
46 Kugeln die ihr Leben beendeten.
Ich wischte die blutigen Bilder aus meinen Kopf und betrat das dunkle Treppenhaus.
Jeannie wohnte im Dachgeschoss.
Ich knipste die Treppenhausbeleuchtung an und blickte nach rechts zu der grau gestrichenen Fahrstuhltür.
„Außer Betrieb“ stand in krakeligen Lettern auf einem Schild, das man mit Tesaband an die Tür geklebt hatte.
Na Klasse…höhnte ich, verzog das Gesicht zu einer grimmigen Grimasse und sah die Treppen hoch.
Ok, Vince…flüsterte ich…niemand hat gesagt, dass es einfach werden wird.
Ich ergriff den hölzernen Handlauf und begann den Aufstieg.
Beim 2. Treppenabsatz musste ich pausieren. Mein rechtes Knie pochte und hämmerte als hätte man es in einem Schraubstock gespannt.
Schweiß lief mir von der Stirn und ich hechelte wie ein räudiger Köter, den man durch die Gassen gejagt hatte.
Jeder Treppenabsatz zählte 13 Stufen.
Zwei Treppenabsätze pro Stockwerk.
Jeannie wohnte im 6. Stock.
Das waren eine Menge Stufen die ich noch zurücklegen musste.
26 hatte ich bereits hinter mir und mein Knie brannte bereits wie Feuer.
Ich biss die Zähne zusammen und stieg weiter die Treppe hinauf.
Schon als Baby hatte ich diese Knie und Hüftbeschwerden auf der rechten Seite und ich musste im Kinderwagen sowie im Bettchen eine Art Spreizhose tragen, damit Knie und Hüfte entlastet in die richtige Position gebracht wurden.
Genutzt hatte es wohl nicht viel.
Ha ha ha!!! Eddies dreckige Lache dröhnte in meinem Schädel.
Red dir doch nichts ein…grölte er und ich konnte seine ranzige Pomade riechen.
Du weißt doch…warum dein Knie schmerzt …krächzte er…
DU WEISST ES DOCH!!!
Ich stoppte, kniff meine Augen zusammen und klopfte mit der Faust an meinem Schädel.
Raus hier….flüsterte ich…ich kann dich hier nicht gebrauchen – NICHT JETZT!
Och, Vinnie…krächzte Eddie…nun sei doch nicht so. Ich bin doch nur hier, um dich zu unterstützen.
Auf so eine Unterstützung pfeif ich…nuschelte ich und stieg weiter die nicht enden wollenden Treppenstufen hinauf.
Los, los…alter Mann…höhnte Eddie sarkastisch…Beeil dich!
Die kleine Jeannie wird sich schon wundern wo du bleibst.
Vielleicht hat sie ein Eisbeutelchen für dich, am Ende der Treppe.
Wieder dröhnte Eddies Lachen durch meinen Kopf.
Fick dich! zischte ich bösartig und wischte Eddie von der Schulter.
Der widerliche Pomadengeruch verebbte langsam und ich wusste, dass Eddie fort war.
Jeannie erwartete mich oben grinsend an der Tür.
Sorry…entgegnete ich keuchend…der Fahrstuhl.
Oh…antwortete sie …der funktionierte noch nie, jedenfalls nicht, so lange ich hier wohne.
Was für Aufstieg…lamentierte ich und rieb mir mein schmerzendes Knie.
156 Stufen…entgegnete sie.
156 Stufen die ich jeden Tag mindestens 3-mal hoch und runter laufen muss.
Naja…lächelte sie und hielt mir die Tür auf …wenigstens hält es fit.
Mein Blick fiel auf ihre muskulösen Beine und ich nickte.
156 Stufen…schoss es mir durch den Kopf.
- 156 –
156 war die Hausnummer der Fabrikhalle nahe der Pullman-Road.
Da – Wo Miss Parker in meinen Armen ihr Leben aushauchte.
Verfasst am 04.01.2009 22:30:18 Uhr 3 - Ein letzter Deal Louisiana – 1934
Die Reifen des Fords quietschen, als ich das Steuer nach rechts herumriss und im vollem Tempo die Ausfahrt des Highways hinunterfuhr.
Wir hatten die verdammten Bullen abgehängt.
Wir fuhren noch eine Weile auf der dunklen, abgelegenen Straße durch die Nacht.
Vince…sagte Miss Parker und sah in den Rückspiegel…wir müssen den Wagen loswerden.
Ich weiß, Süße. Wir fahren hoch zum Black Lake, dort steht der Mercedes.
Miss Parker lehnte sich in ihrem Sitz zurück und sah hinaus in die Dunkelheit.
Nach einer Weile flüsterte sie:
Vince, du weißt, dass ich dich liebe.
Ja, Kleines…das weiß ich…sagte ich und lächelte sie an.
Vince, ich mein das jetzt ganz ernst…sagte sie leise und legte mir sanft ihre Hand aufs Knie.
Wenn die Sache hier vorbei ist - lass uns rüber nach Vegas fahren und heiraten.
Mit dem Geld was hinten auf dem Rücksitz liegt, haben wir für immer ausgesorgt.
Vince, ich möchte ein Haus.
Es soll schneeweiß sein.
Mit einer kleinen Veranda vorn am Eingang.
Dort werden wir abends zusammen sitzen und gemeinsam in die Sterne schauen.
Du wirst auf deiner Gitarre spielen, während ich für unser Baby Söckchen stricken werde.
Unser Baby? lächelte ich.
Ja, Vince…flüsterte Miss Parker …ich möchte ein Baby haben.
Und ich möchte, dass wir den ganzen Scheiß hier hinter uns lassen und endlich glücklich werden.
Ja, du hast recht …murmelte ich…wir sind schon zu lange auf der Flucht.
4 Jahre…flüsterte sie...4 lange Jahre in denen wir den Sonnenuntergang nicht genießen konnte.
4 Jahre im Verborgenen leben.
Verfolgt.
4 Jahre auf Messers Schneide – dem Tod im Nacken.
Vince, Lass uns hier und jetzt aussteigen.
Das Geld wird nicht reichen…sagte ich und sah sie betrübt an.
Lass uns noch einen Deal machen.
Den allerletzten!
Ok!...flüsterte sie...Wann?
Noch heute Nacht…entgegnete ich.
Es gibt dort ein Lagerhaus in Bienville Parish,
nähe der Pullman-Road.
Und ein Vögelchen hat mir gezwitschert das dort 250.000 in kleinen Scheinen auf uns warten.
Der Tresor wird dein Kinderspiel sein.
Danach werden wir ein neues Leben anfangen.
Vielleicht gehen wir nach Mexiko.
Dort kennt uns niemand.
Wir kaufen uns eine Hazienda mit einer schnuckeligen Veranda und einer richtigen Küche.
Wir bauen Getreide an und betreiben Viehzucht.
......und wir machen ein Baby!
Versprichst du mir das?.... flüsterte Miss Parker.
Ja...das verspreche ich dir, so wahr ich lebe...sagte ich mit fester Stimme.
Jaaaa...OK..…hauchte Miss Parker und drückte lächelnd meine Hand.
Ich konnte das Glück nicht nur in ihren Augen sehen;
Nein ich konnte es sogar spüren.
Es erfüllte die gesamte Fahrgastzelle des Fords und hinterließ auf meiner Haut ein leises Prickeln.
In diesem Augenblick waren wir uns näher, als je zuvor.
Ich liebte diese Frau abgöttisch.
Sie stand wie ein Fels in der Brandung.
Lebte mit mir meinen Traum von Freiheit und Anarchie,
scherte sich nicht um die Gesetzte dieses intoleranten Amerikas,
gab mir die Stärke und die Hoffnung auf ein Leben jenseits der Norm.
SIE war der Inbegriff der wahren Liebe, zwischen zwei Menschen die niemals etwas zu verlieren hatten, außer sich selbst.
Aber noch ahnte ich nicht, dass sie nur ein paar Stunden später, von 46 Kugeln durchsiebt in meinen Armen sterben würde,
während 250.000 Dollar in kleinen Scheinen vom Wind in alle Himmelsrichtungen davon getragen wurden.
Es würde keine Hochzeit in Vegas geben und auch kein Haus mit einer kleinen Veranda.
Ich würde nie im Sonnenuntergang die Gitarre spielen und Miss Parker würde auch keine Söckchen stricken.
Nichts von alledem würde eintreffen und noch heute spüre ich ihr warmes Blut, welches zwischen meinen Fingern verrinnt, wie warmer Sommerregen im August.
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Leben ist das, was dir passiert, während du dabei bist,
andere Pläne zu schmieden (John Lennon)
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Verfasst am 02.01.2009 21:12:57 Uhr 2 - Bezaubernde Jeannie! 2008
Das Jahr neigte sich langsam dem Ende entgegen und ein eisiger Wind fegte durch die Straßen.
Wir trafen uns in einer Bar, nicht weit vom Güterbahnhof.
Ich war zu früh und hatte bereits meinen zweiten Drink.
Die Sonne war längst untergegangen und tauchte die Stadt in triste Dunkelheit.
Für mich begann der „Tag“.
Meine Hände zitterten leicht und ich überlegte, ob es überhaupt richtig war, sich mit ihr zu treffen.
Wir hatten uns auf einer Party kennengelernt und ein wenig Smalltalk betrieben.
Nichts weltbewegendes, das übliche Partygeplapper.
Aber hinter dem seichten Geplauder entdeckte noch etwas anderes.
Etwas was ich in ihren Augen sehen konnte und an der Art ihrer Bewegungen.
Ich musste es herausfinden!
Eine halbe Stunde später betrat sie die Bar und steuerte direkt auf mich zu.
Der Laden war brechend voll und er war fast unmöglich mich sofort unter den vielen Leuten auszumachen.
Doch ohne ihren Kopf zu wenden und lange nach mir zu suchen, ging sie direkt in die Ecke auf meinem Tisch zu.
Entweder strahlte ich eine Aura aus und leuchtete wie ein Glühwürmchen in der Nacht, oder eine unbekannte Macht steuerte ihre Schritte.
Sie begrüßte mich lächelnd und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.
Gierig sog ich den Geruch nach frischer Seife und teuren Parfüm ein.
Sie hatte einen kurzen, schwarzen Rock an und ich bewunderte ihre straffen, schlanken Beine.
Muskulös.
Fast makellos.
Sie bestellte einen Rotwein und sah mich mit ihren blauen Augen an.
Sie war 15 Jahre jünger als ich und hieß Jeannie.
Jesus! Sieh dir diesen Hintern an!....grölte Eddie, der es sich mal wieder auf meiner linken Schulter bequem gemacht hatte und gemächlich sein schwarzes Haar kämmte.
Der Geruch ranziger Pomade stieg mir in die Nase und ich verzog angewidert das Gesicht.
Looooos Vince ….Nimm sie mit nach Hause und treib ihr den Teufel aus ihrem entzückenden Leib!
Ich ließ Eddie reden und grinste Jeannie an.
Hallo Jeannie…flüsterte ich..schön dich zu sehen!
Ganz meinerseits, Vince…sagte sie und schenkte mir ein bezauberntes Lächeln.
Sie hatte kurzgeschnittenes blondes Haar und ihre perfekt in auberginefarben lackierten Fingernägeln harmonierten hervorragend zum farblich abgestimmten Lippenstift, den sie großzügig auf ihre vollen Lippen aufgetragen hatte.
Hey, Vince…flüsterte Eddie in mein linkes Ohr…du weißt was sie mit diesen Lippen alles machen könnte.
Natürlich wusste ich es, während mein Blick langsam über ihren perfekten Körper glitt.
Ich wischte Eddie von meiner Schulter fort und sah auf den Rest Gin in meinem Glas.
Das Gespräch kam schleppend in Gang und Jeannie erzählte mir von ihrem Mann, der tagtäglich Überstunden im Büro machte und vermutlich zwischen Kopierer und Kaffeeecke seine Sekretärin fickte, während sie sich allein zu Haus, gelangweilt durch die Vorabendserien zappte.
Sie erzählte von ihrem unausgeglichenen, stupiden Leben, ihren Wünschen und Träumen.
Und während Eddie auf meiner Schulter unaufhörlich schrie und bettelte, sie endlich mit nach Hause zu nehmen und eigenartige Dinge mit ihr zu zelebrieren, sah ich aus dem Fenster und betrachtete den großen, gelben Mond, der langsam das Gesicht von Miss Parker annahm, die mich mit betörenden Lächeln ansah.
Jeannies Stimme glitt ebenso wie die endlose Litanei Eddies, langsam in den Hintergrund.
Der Mond am Firmament zog mich magisch an, und die Nacht rief meinen Namen.
Nach einer Stunde verließ ich die Bar.
Ohne Jeannie.
Sie sah mich zum Abschied lange an.
Ihre Lippen bebten leicht, als wolle sie etwas Wichtiges sagen.
Wir umarmten uns kurz und ich küsste sie auf den Hals, wo eine dicke Arterie wild und ekstatisch hämmerte.
Sie bat um ein Wiedersehen.
Mein Blick tastete kurz über ihre festen Brüste und Eddie auf meiner Schulter stieß ein heiseres Kichern aus.
Sicher doch…flüsterte ich und strich mit der Hand über ihre zarte Wange.
Ihre Haut war genau so weich, wie die von Miss Parker und ich suchte in ihren Augen die gemeinsame Konstante des Wiedererkennens.
War sie jene Miss Parker, die vor Äonen der Zeit in meinen Armen gestorben war und die ich als Mutter meiner Kinder auserkoren hatte?
Frag, ob sie 1934 in Louisiana gewesen ist…rief Eddie heiser.
Ich öffnete langsam dem Mund, schloss ihn aber augenblicklich wieder.
Nein – die Frage war zu töricht.
Sie würde mich für komplett übergeschnappt halten.
Außerdem schien das hier nicht der richtige Ort und Augenblick zu sein.
Ich verließ die Bar und der Alkohol schlug mir mitten in die Fresse.
Und während die Dunkelheit mich gefangen nahm, musste ich an Jeannies Lippenstift und Fingernägel denken, die dieselbe auberginefarbene Lackierung hatten, wie der Ford Fordor von 1934.
Verfasst am 02.01.2009 09:09:17 Uhr 1 – Die Flucht Louisiana - 1934
Ha ha ha…
Miss Parker lachte schallend und schlug mit der Hand auf das Armaturenbrett.
Sie werden uns nie kriegen!
Los, Vince…drück auf die Tube!.... rief sie und lehnte sich lasziv in ihren Ledersitz zurück.
Kurz konnte ich einen Blick auf ihren pinkfarbenen Slip erhaschen, der zwischen ihren schlanken, muskulösen Oberschenkeln hervorblitze.
Ihr kurzer, schwarzer Mini war hoch gerutscht und im Schein der untergehenden Sonne sahen ihre bronzefarbenen Beine noch fantastischer aus.
Ich trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und der Ford Fordor raste schlingernd die enge Kurve der Highwayauffahrt hinauf.
Im Rückspiegel sah ich, wie die Blaulichter der uns folgenden Streifenwagen schnell kleiner wurden.
Hier auf den Highway werden sie uns nie kriegen…rief ich und sah in Miss Parkers blaue Augen.
Sie hatte ihr Seitenfenster runtergekurbelt und ihre langen, blonden Haare flatterten im Fahrtwind.
Lass uns die Nacht durchfahren und später in einem Motel halt machen…rief sie, während ihre Hand langsam an den Innenseiten meiner Oberschenkel hinauffuhren.
Lächelnd lehnte ich mich im Sitz zurück, wusste ich doch, wie Motelaufenthalte mit Miss Parker aussehen würden.
Der Ford beschleunigte auf 130 km/h und ich konnte im Innenspiegel die riesige, braune Ledertasche auf den Rücksitz erkennen, die prallgefüllt mit Dollarscheinen im Abendrot leuchtete.
Zufrieden schaltete ich einen Gang höher und der Ford schoss pfeilschnell wie ein Raumschiff mit Lichtgeschwindigkeit durchs All.
Sie würden uns nie bekommen.
WIR waren die Könige und die Welt gehörte uns.
Gottesgleich und mit ewigen Leben ausgestattet, würden endlich die sonnigen Seiten anbrechen, nach denen wir uns unser Leben lang gesehnt hatten.
Doch während ich lächelnd in den Sonnenuntergang hinein fuhr, ahnte ich noch nicht, dass genau 8 Stunden später, Miss Parkers begnadeter Körper zerfetzt und blutend unter mir sein Leben aushauchte, während mir ihre betörenden Lippen ein letztes Liebesgeständnis ins Ohr flüsterten.
Verfasst am 01.01.2009 23:41:11 Uhr Prolog - 1975 VINCENT BORROW, NENNST DU DAS SAUBER???
Die keifende Stimme meiner Mutter überschlug sich und klingelte mir Stunden später noch in den Ohren, als ich hungrig und heulend im Bett lag.
Das ist Tinte…sagte ich kleinlaut und betrachtete meine schmutzigen Hände.
WASCHEN!!! rief meine Mutter und schlug mir die Küchentür vor der Nase zu.
Und wag es dich nicht hier an den Tisch zu setzen, bevor deine Hände pikobello sauber sind.
Pikobello!
Wie ich dieses Wort hasste.
Alles musste Pikobello sauber sein!
Meine Hände.
Meine Hosen.
Mein Zimmer.
Mein Leben.
Ich kam mir vor wie in einer sterilen, luftdichtverpackten Vakuumkammer, in der kein Bakterium auch nur den Hauch einer Überlebenschance hatte.
Ich ging ins Bad und drehte das Wasser auf.
Gerade als meine Hände das weiße Seifenstück ergriffen auf denen in großen fetten Lettern LUX prangte, zwängte sich der Kopf meiner Mutter zwischen Tür und Angel herein.
Und nimm HEISSES Wasser…sagte sie in einer Stimme die keinen Widerspruch duldete.
Das geht trotzdem nicht ab…flüsterte ich leise und während ich die Ärmel meine Pullovers hochzog.
Dann nimm den Bimsstein..rief meine Mutter und zeigte mit ihren knochigen Fingern auf das widerliche, grüne Ding, das neben der Seifenablage lag.
Gemein und giftig sah mich der Stein an und ich hasste ihn ebenso wie das Wort "Pikobello"!
Mit säuerlicher Miene ergriff ich dieses raue, grüne Unikum und begann zaghaft damit meine Finger von den Tintenspuren zu beiseitigen.
DAS GEHT AUCH FESTER!!!
sagte meine Mutter mit schärferem Unterton in der Stimme.
Das tut aber weh…murmelte ich und verzog schmerzhaft das Gesicht.
Das ist mir Egal, entgegnete meine Mutter.
Fakt ist, dass du erst Abendbrot bekommst, wenn deine Finger Pikobello sauber sind.
Da war es wieder - das Wort!
Pikobello!
Ich begann meine Finger schneller und fester mit dem Bimsstein zu bearbeiten.
Ich will keinen Fleck nachher mehr sehen, wenn du dich an den Tisch setzt… rief meine Mutter und schlug die Badezimmertür zu.
Und bevor sie ging und mich mit dieser undankbaren und schmerzhaften Aufgabe allein ließ, hörte ich sie noch durch die geschlossene Badezimmertür rufen:
Pikobello!!! – Und wehe nicht!
Du schrubbst sie so lange, egal ob sie nachher bluten!!!
Tja, und in diesem Augenblick machte ich zum ersten Mal die Bekanntschaft mit Eddie.
Natürlich hatte Eddie damals noch keinen Namen.
Ebenso wenig ein Gesicht.
Auch konnte ich die ranzige Pomade mit der er ständig sein schwarzes Haar fisierte, noch nicht riechen.
Am Anfang war Eddie lediglich eine Stimme in meinem Kopf.
Also Vince…dann mal los.
Du weißt was Mom eben gesagt hat…rief die Stimme.
BIS SIE BLUTEN!!!
Ich begann meine Hände mit dem Bimsstein immer schneller und fester zu bearbeiten.
Drück mal fester auf, so wird das Nichts…höhnte die Stimme in meinem Kopf…oder willst du hungrig ins Bett?
Mit größerem Druck glitt die raue Oberfläche des Steines immer fester über meine zarten Kinderhände.
FESTER… schrie die Stimme…da geht noch was.
Bis sie Bluten.
BIS SIE BLUTEN!!!
Der Stein jagte mit kratzendem Geräusch immer schneller über meine Haut.
Langsam färbte sich das heiße Wasser, was über meine blutenden Hände floss, rot und mein schmerzverzerrtes Gesicht verschwand hinter einer dichten Nebelwand des aufsteigenden Wasserdampfes.
WEITER..WEITER…schrie die Stimme während sich der Bimsstein in meine Haut fraß.
Wie vom Teufel besessen schabte ich mit dem rauen Bimsstein immer weiter über meine bereits blutigen Hände bis nur noch das rohe Fleisch zu sehen war.
An diesem Abend ging ich dennoch ohne Abendessen ins Bett, weil es schier unmöglich war auch nur ansatzweiße ein Stück Brot zu halten.
Aber dafür waren meine Hände Pikobello sauber und ich hatte einen neuen „Freund“ fürs Leben gefunden.